Dominant Species

Darwinismus als Brettspiel

Seit dem 19. Jahrhundert ist die Evolutionstheorie als Tatsache akzeptiert. Darwin beschreibt in seinem Hauptwerk „Über die Entstehung der Arten“ die Theorie, dass alle Tier- und Pflanzenarten durch natürliche Selektion entstanden sind. Jeder kennt wohl den Ausspruch „Survival of the fittest“ (Überleben des Stärkeren), der von Herbert Spencer 1864 geprägt und später auch von Charles Darwin in sein Werk übernommen wurde.

Diesen Leitsatz Spencers hat sich Dominant Species von Autor Chad Jensen, 2010 bei GMT Games erschienen, auf die Fahne geschrieben und die Evolutionstheorie in ein spannendes, unbarmherziges Area Control Eurogame für bis zu 6 Spielende verwandelt.

Hier die deutsche Version, erschienen bei UGG.

90000 v. Christus steht eine große Eiszeit bevor, welche schließlich das Spiel auch beendet und immer wieder durch Vergletscherung einzelner Gebiete in den Spielverlauf eingreifen kann. In dieser Eopche der Frühgeschichte kämpfen verschiedenste Gattungen um die Vorherrschaft, um die dominante Spezies zu werden , daher wohl auch der Titel 😉

Zu Beginn wählen alle eine Gattung aus der Auswahl zwischen Säugetieren, Reptilien, Vögeln, Amphibien, Spinnen und Insekten, die im Verlauf des Spiels auch in die Reihenfolge einer natürlichen Nahrungskette eingebettet sind. Selbige ist immer wieder wichtig für die Spielerreihenfolge bei Aktionen oder auch Events der Dominanzkarten. Um den in der Nahrungskette weiter unten stehenden Gattungen einen Ausgleich zu verschaffen, gibt es Zusatzaktionen, welche nur bestimmten Gattungen zur Verfügung stehen und automatisch aktiviert werden.

Dominant Species wird in einer unbestimmten Anzahl an Runden gespielt, welche immer aus drei Phasen bestehen: Planungsphase, Ausführungsphase und Rücksetzungsphase. In der Planungsphase programmiert man abwechselnd in Initiativereihenfolge mit seinen Aktionsfiguren die eigene Ausführungsphase auf der Aktionsübersicht. In der Ausführungsphase werden die vorprogrammierten Aktionen dann – welch Überraschung – ausgeführt und in der Rücksetzungsphase wird die Aktionsübersicht aufgeräumt und die Kartenauswahl aufgefüllt.

Die möglichen Aktionen werde ich jetzt nicht im einzelnen beschreiben, sondern einen Überblick über Kernelemente und das Spielgefühl vermitteln.

Dominant Species ist wie erwähnt im Kern ein Area Control Spiel. Wir wollen die Mehrheit in Gebieten erlangen, um Punkte zu sammeln und möglichst auch noch Dominanz in Gebieten haben, um die mächtigen Dominanzkarten ausspielen zu können. Mehrheit? Dominanz? Ist das nicht dasselbe? Nicht bei Dominant Species und das ist eines der wichtigsten und spannendsten Elemente des Spiels, welches maßgeblich immer wieder die Aktionen aller Spieler und deren Verlauf bestimmt. Die einzelnen Gebiete werden durch sechseckige Plättchen dargestellt und reichen von Meeres- über Sumpf- bis hin zu Wüstengebieten, können allerdings während eines Spieldurchgangs auch vergletschern und so den möglichen Lebensraum begrenzen. Die kleinen, farbigen Holzwürfel stellen die verschiedenen Arten eines Spielers da, welche durch Aktionen oder Events auch dauerhaft aus dem Spiel entfernt werden können. Hat man die größte Anzahl an Arten in einem Gebiet, so verfügt man dort über die Mehrheit, welche man mit einer der Aktionen auf der Übersicht in Siegpunkte umwandeln kann (wenn man diese Aktion denn vorher programmiert hat!!!). Was ist dann aber die Dominanz?

An den sechs Ecken jedes Gebiets können Nahrungsquellen von den Spielenden platziert werden, einige sind von Anfang an vorhanden. Jede Gattung hat eine oder mehrere, bevorzugte Nahrungsquellen, kann sich aber während des Spiels auch noch an neue Nahrungsquellen anpassen (Evolution! Zwinker, zwinker). Hat man nun mindestens eine Art in einem Gebiet, multipliziert man die Anzahl der Nahrungsquellen auf dem Spielertableau (z.B. 2x Gräser) mit der Anzahl der entsprechenden Nahrungsquellen an den Ecken des Gebiets (z.B. 1x Gras) und vergleicht dieses Ergebnis (in diesem Beispiel 2×1=2) dann mit den besten Werten der anderen Spieler in dem Gebiet. Wer hier nun den höchsten Wert erreicht, hat Dominanz und kann diese mit einem Kegel kennzeichnen. Sie ist also unabhängig von der Mehrheit, sodass auch eine Gattung in der Minderheit dennoch in einem Gebiet dominant sein kann. Auch hier gilt, hat man in der Planungsphase eine Aktionsfigur bei der Dominanz platziert, kann man in der Ausführungsphase seine Dominanz geltend machen und sich eine der ausliegenden Dominanzkarten wählen und ausspielen. Diese Karten werden immer vom auswählenden Spielenden durchgeführt mit allen Effekten, die auch andere betreffen können. Die Effekte reichen von zusätzlichen Siegpunkten über weitere, verfügbare Aktionsfiguren bis hin zur Auslöschung von Arten in ausgewählten Gebieten durch einen Meteoriteneinschlag.

Hier nutzen die Spinnen die Nahrungsquellen (oben links) Larven, Gras und Sonne. Auf dem folgenden Foto ergibt sich also ein Dominanzwert von 2×3 Larven + 1×1 Gras = 6+1 = 7.

So haben die Spinnen in diesem Gebiet mit nur einer Art zwar nicht die Mehrheit, aber die Dominanz.

Im besten Fall hat man in einem Gebiet also die Mehrheit und die Dominanz, sodass sich die Wertung an dieser Stelle doppelt lohnt.

Das Zusammen- und auch Gegenspiel der zwei Ebenen Mehrheit und Dominanz ist es, was bei Dominant Species immer wieder zu Kopfzerbrechen führt. Gepaart mit der Notwendigkeit, die eigenen Aktionen in der Planungsphase zu programmieren und dabei die Vorhaben der Mitspielenden zu berücksichtigen sowie vorherzusehen, ergibt sich ein dauerhaft nervenzerreißendes Spielgefühl, das seinesgleichen sucht. Alle möglichen Aktionen bieten uns Hilfestellung, um vorrangig die beiden Ziele der Mehrheit und der Dominanz zu erreichen. Während es den allermeisten Eurogames an Interaktion fehlt oder zu äußerst unsympathischen Effekten wie der reinen Verwehrung von Aktionen und der daraus folgenden Schadenfreude gegriffen wird, ist Dominant Species absolut konfrontativ und der Kampf um die Dominanz und die wertvollen Nahrungsquellen steht dauerhaft im Vordergrund. Hier kann niemand gemütlich vor sich hin spielen, solitär Ressourcen sammeln oder ausbauen und sich auf seinen Errungenschaften ausruhen. Hier herrscht über den kompletten Spielverlauf ein ständiger Wettkampf um Mehrheiten, Dominanz, Initiative und Nahrungsquellen. Interaktion wird zum maßgeblichen Spielprinzip. Das können nicht alle Spielenden ertragen, dessen sollte man sich bewusst sein. Doch selbst, wenn man nahezu am Boden war, kann man sich eventuell wieder berappeln und nach vorne kämpfen.

Optisch ist Dominant Species recht zweckmäßig gehalten, was jedoch die Übersicht perfekt unterstützt und trotzdem wird das Thema so wunderbar transportiert wie in nur sehr wenigen, anderen Eurogames. Jede Art braucht ihre Nahrungsquellen und Lebensraum, kann sich an neue Nahrungsquellen anpassen und auch andere Arten auslöschen und verdrängen. Die natürliche Nahrungskette besteht und doch kann sich eine Gattung in einem Gebiet unter den richtigen Voraussetzungen, welche man selbst mit beeinflussen darf, über andere erheben und Dominanz erlangen. Das funktioniert wunderbar thematisch und auch nachvollziehbar. Der prähistorische Wettstreit skaliert ohne Probleme von 2-6 Spielenden (ok, zu zweit wird das Spiel natürlich etwas gemütlicher und weniger konfrontativ) und auf Boardgamegeek findet sich sogar eine Solo-Variante.

Dank der deutschen Übersetzung, welche entgegen manch böser Stimmen, übersichtlich und gut verständlich gelungen ist, kann ich Dominant Species auch im deutschsprachigen Raum uneingeschränkt anpreisen und empfehle allen, die eine Vorliebe für schwierige, spannende Entscheidungen haben, sich einmal in die urzeitliche Welt zu wagen.

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